Für Mädchen oder für Jungen?

Ich war einkaufen am letzten Wochenende in Sachen Kinderkleidung und Fasching und irgendwie ist mir bewusst geworden wo die Mädchen/Jungen-Vermarktung gelandet ist. Wir kriegen von Familie und von Freunden ziemlich viele Kindersachen, weshalb ich mich nur sehr unregelmäßig selbst zum Kinderklamotten-Kaufen in irgendwelchen Läden einfinde. Nun war es soweit.

 

Zum Einstieg mal eine Frage: Mit welchen Vorstellungen von Junge und Mädchen werdet ihr so konfrontiert? Welche Stereotypen tragt ihr so mit euch herum?

Vor einiger Zeit wurde die Tatsache, dass unsere Tochter eine Tasche dabei hat mit folgenden Worten kommentiert "Ja, die Mädchen - die brauchen halt immer eine Tasche." - Einmal auf dem Spielplatz meinte ein Vater "Ja, ganz schlimm, immer bringt er Stecken mit Heim - aber das ist halt so bei Jungs". Ich dachte an den riesigen Haufen von Stecken und Steinen auf unserem Fensterbrett und verstand sofort NICHT wieso das typisch Junge sein sollte. Vielleicht wurde ich aber auch durch das Buch von Melitta Walter in besonderer Weise für solche Themen sensibilisiert (siehe unten),

 

Genug mit dem Vorgeplänkel. Nun erst mal zu meinen Einkaufserfahrungen vom letzten Wochenende...

 

Als erstes habe ich registriert wie streng nach Jungen und Mädchen getrennt wird und das ab dem frühesten Kindesalter. Ich verstehe wieso es bei Erwachsenen für Frauen und Männer unterschiedliche Größen, Schnitte und auch unterschiedliche Kleidungsstücke wie Röcke, Kleider, Krawatten usw. gibt. Aber ob ein nicht mal 1 Meter langes Kind wirklich je nach dem ob es Junge oder Mädchen ist, so krass unterschiedliche Bedürfnisse und Körperumfänge hat? Nunja, anscheinend haben Eltern das Bedürfnis, oder zumindest ist denen die, die ihre Ware verkaufen wollen, daran gelegen diese Bedürfnisse zu wecken.

 

 

Ich bin gestartet in der Abteilung Mädchen bei H&M und wusste sofort, dass ich meine Tochter besser nicht dahinführe, weil ich ahnte wie viele zig Haarspangen, Kettchen, Haarreifen sie haben möchte und darüber hinaus war nahezu alles in rosa und mit Glitzer gehalten. Immerhin gab es Schlaufschals, aber nicht das wonach ich eigentlich gesucht hatte. Ich bin daher in die Jungen-Abteilung gesteuert und habe überraschend die andere Ware betrachtet. (Am Ende haben wir tatsächlich eine schwarze Softshell-Jacke in 104 gekauft - natürlich gibts die nur "für Jungen", Schlaufschals für Jungs gab es keine.)

 

Später waren wir noch bei Karstadt und als ich die Verkäuferin nach einem Schlaufschal für Kinder, aktuell Größe 104, gefragt habe, kam prompt die Gegenfrage: "Für einen Jungen oder ein Mädchen?" Ich antwortete, dass ich mich da nicht einschränken lassen möchte (wieso sollte sie nicht auch einen blauen Schlaufschal bekommen) und die Verkäuferin blieb daraufhin stehen und wiederholte ihre Frage. Ich sagte, dass sie ein Mädchen sei, aber ich da nicht auf Mädchensachen festgelegt bin. Als sie nach meiner ersten Antwort stehen blieb, bin ich davon ausgegangen, dass vielleicht auch hier Mädchensachen woanders sind als Jungensachen. Nun war ich sehr überrascht, dass sie mich in 3 Meter Entfernung zu einem Ständer führte wo genau die eine Mädchenvariante UND die eine Jungenvariante am selben Haken hingen.

Wieso hat sie mich da nicht gleich hingeführt, sondern war stehen geblieben? War sie bockig?? Sie erklärte mir dann noch "...weil hier der Schal ist ja mit rosa, den kann mann ja einem Jungen nicht anziehen."

Ich bin über einen Radiobeitrag - wie sollte es anders sein, natürlich auf Bayern2 - auf Pinkstinks aufmerksam geworden, die nichts gegen die Farbe Pink haben, sondern gegen die "Pinkifizierung" sind und seitdem habe ich wahrgenommen (und mich geärgert), dass Aldi, Lidl, H&M, Tchibo, IKEA und alle möglichen anderen Hersteller auch, sich wie selbstverständlich die Kompetenz zuschreiben zu entscheiden, was "Für Jungen" und was "Für Mädchen" ist. Vielleicht unnötig zu erwähnen, dass meistens die Jungensachen auch für Mädchen geeignet sind und oft die Mädchensachen durch Pink, Lila, Blümchen, Schmetterlinge, Spitzen, HelloKitty-Aufdruck kaum von Eltern von Jungs gekauft werden dürften.

Leider habe ich die Originalstudie bisher nicht gefunden. Melitta Walter, verweist in ihrem Buch "Jungen sind anders, Mädchen auch" auf eine Studie, in der "Versuchspersonen aufgefordert wurden, einen fremden Säugling zu beschreiben. Obwohl es sich dabei jedes Mal um dasselbe Kind handelte, wurde es, je nachdem, ob man den Versuchspersonen vorher mitgeteilt hatte, dass es ein Mädchen oder ein Knabe sei als 'typisch Mädchen' oder als 'typisch Junge' wahrgenommen. Gehen die beobachtenden Personen bei dem schreienden Baby von einem Mädchen aus, wird das Schreien als 'ängstlich', beim Jungen als 'zornig' beschrieben."


Und an alle, die meinen "Ich kann ja auch nichts dafür, mein Kind steht halt total auf rosa". Kein Wunder, oder? So wie gesellschaftlich rosa vermarktet wird, so wie immer wieder klar gestellt wird: Rosa ist für dich! Und gleichzeitig auch klar gestellt wird: Das Blaue ist für Jungs. Vermutlich haben auch die anderen Mädchen, auch ältere Freundinnen viel rosa?

 

 

Wir alle sind vorgeprägt, haben Stereotypen und das ist auch normal. Nur haben wir bzw. unsere Kinder eben oft KEINE WAHL mehr und werden in ein riesiges Vermarktungskonzept eingespannt.

Und in der Erwachsenenwelt?

Wie wurde im NSU-Prozess über die weibliche Angeklagte berichtet? Wie brisant waren Fragen des Aussehens? Ob sie geschminkt war? Wie war sie gekleidet?

Dazu empfehle ich diese Lektüre:

http://www.feministisches-institut.de/zschaepe/

 

Was glaubt ihr wer bei Meetings im Allgemeinen immer noch Protokoll führt? Wenn in die Runde gefragt wird zu Beginn, wer Protokoll schreiben würde ist es allzu häufig eine Frau, manchmal auch die einzig anwesende Frau. Und das obwohl ihre Postion das nicht nahelegen würde...

 

Als Frau Mathematik studieren? "Das ist aber ungewöhnlich, oder?" Nein, eigentlich nicht. Wir waren ca. 40% Frauen und im weitere Verlauf des Studiums, haben deutlich mehr Studierende des männlichen Geschlechts das Studium beendet oder verlängert, sodass es am Ende 50/50 gewesen sein dürfte.

 

Immer noch Verblüffend, dass wir im Jahr 2016 nicht weiter sind. Die Werbung ist nach wie vor sehr deutlich in sexistischen Bezügen. Bitte schaut euch das Video oben an, damit klar ist, dass es nicht nur um Marketing, sondern um Rollenbilder geht! Wenn es nur um rosa und blau ging: geschenkt.

 

Es geht um

so

viel

mehr!

 

Fast möchte ich die Rollenbilder archaisch nennen, die schon in die Köpfe, der Kinder eingepflanzt werden.

https://pinkstinks.de/putzen-fuer-den-astronauten/

 

Ich könnte schier endlos Beispiele nennen. Dass unsere Tochter grundsätzlich für einen Jungen gehalten wurde, wenn sie nicht in rosa gekleidet waren. Dass ich, wenn sie blaue Turnschuhe anhatte gefragt wurde, ob es sie nicht mehr in pink gab. Dass ich wahrnehme, wie bei einer weiblichen Bundeskanzlerin sofort eine scheinbar(!) spontane Entscheidung auf ihre Emotionen (typisch weiblich) geschoben wird. Dass der focus selbst beim Berichten über die Vorfälle in Köln sexistisch ist ohne es selber zu merken.

http://www.taz.de/Der-Focus-zu-den-Koelner-Uebergriffen/!5267901/

 

Macht euch euer eigenes Bild von der Sache...

 

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Teresa (Montag, 25 Januar 2016 19:15)

    Oh ja, das nervt mich auch tierisch. Unsere Tochter ist zwar erst zweieinhalb Monate alt, aber schon als ich das erste Mal nach Kleidung für sie geschaut habe, war ich genervt von der strikten Trennung in Mädchen und Jungs für BABIES. Und da sie einen dunkelblauen Winteroverall hat, wurde sie auch schon häufig für einen Jungen gehalten...

  • #2

    Michaela (Sonntag, 06 März 2016 10:48)

    Absolut. Ich glaube, ich hatte dir schon von unserem Winterjacken-Einkaufserlebnis berichtet. Neulich fiel mir folgendes auf: Johanna hat als Baby immer recht viel geschlafen. Von außen kam dann oft eine Bemerkung wie: Ja, die Mädels sind ja eh immer so brav und von Natur aus ruhiger.
    Jakob schläft jetzt ebenfalls viel. Die Erklärung? Ja, typisch Junge, die sind halt nicht so kommunikativ, ne?

  • #3

    Katharina (Sonntag, 06 März 2016 22:16)

    Vieles kommt mir sehr bekannt vor. Ich wurde auch so oft gefragt: Wirklich? Als Frau? Okay, bei Maschinenbau waren es etwas weniger Frauen als bei Mathematik, aber ich denk mal so 25 oder 30% der Studenten waren weiblich. Also ich war absolut keine Ausnahme in dem Diplomstudiengang, wurde aber oft verwundert angesehen wenn ich davon berichtet habe.
    Beim Einkaufen ist nicht nur die Ware, sondern auch die Beratung geschlechtsabhängig. Schon ein paar Mal war es so, dass wir einen Verkäufer hatten der die technischen Details einfach nur meinem Mann erklärte und mich völlig ignorierte.
    Zu diesem Thema könnte ich so viele Beispiele schreiben z.B.: Das Kind meines Kollegen ist natürlich viel anstrengender als meins. Der Grund ist klar: Er hat einen Jungen, wir ein Mädchen!
    Manchmal denke ich leider auch (noch) in solchen Rollenbildern. Jungs in rosa oder mit Kinderwagen finde ich sehr unüblich. Seltsamerweise finde ich aber Mädchen in blau und mit Autos völlig normal. Wichtig finde ich, dass wir unseren Kindern die Wahl lassen. Wenn unsere Tochter zwischen Autos und Puppen wählen darf nimmt sie sicherlich die Autos! An Fasching hatte sie die Wahl zwischen drei verschiedenen Kostümen und sie hat sich für die rosa Fee mit glitzernden Flügeln entscheiden. Ich denke wenn ich mich weiter mit dem Thema auseinandersetze und nicht alles hinnehme was uns die Werbung eintrichtern will, werde ich Jungs in rosa mit Kinderwagen irgendwann als üblich ansehen.
    Mir wurde als Kind oft Puppen geschenkt obwohl ich keine wollte (Ich habe schon ab und an mit gespielt, wollte aber nicht noch mehr Puppen!). Für meine Oma war das damals nicht verständlich. Aber jetzt als Uroma sagt sie nur: „Ganz die Mama“ wenn ich berichte das unsere kleine auch nur wenig mit Puppen spielt. – Wir sind alle lernfähig! Auch meine Oma!

  • #4

    Jani Whitsett (Donnerstag, 02 Februar 2017 21:15)


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  • #5

    Connie Avans (Montag, 06 Februar 2017 23:23)


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